Achtung!
Dies ist eine Internet-Sonderausgabe der Rezension des Werkes „Michael Alram: Nomina Propria Iranica in Nummis“ von Jost Gippert (1989).
Sie sollte nicht zitiert werden. Zitate sind der Originalausgabe in „Wiener Zeitschrift für die Kunde Südasiens“ 35, 1991, 224-226 zu entnehmen.

Attention!
This is a special internet edition of the review of „Michael Alram: Nomina Propria Iranica in Nummis“ by Jost Gippert (1989).
It should not be quoted as such. For quotations, please refer to the original edition in „Wiener Zeitschrift für die Kunde Südasiens“ 35, 1991, pp. 224-226.



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Jost Gippert, Frankfurt 1999

Alram, Michael: Nomina Propria Iranica in Nummis. Materialgrundlagen zu den iranischen Personennamen auf antiken Münzen [Iranisches Personennamenbuch, herausgegeben von Manfred Mayrhofer und Rüdiger Schmitt, Band IV; Österreichische Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-historische Klasse: Sonderpublikation der Iranischen und der Numismatischen Kommission]. Wien: Österreichische Akademie der Wissenschaften, 1986. Textband: 347 p., XXIII Tabellen; Tafelband: 47 Tafeln. ÖS 2100,-/ DM 300,-.


      Gegenstand des hier anzuzeigenden Buches sind die antiken Münzen als historische Quellen für die Überlieferung iranischen Namengutes. Das Werk nimmt unter den bisher erschienenen Teilbänden des Iranischen Personennamenbuchs nicht nur durch seinen Umfang, sondern auch durch seine Konzeption eine Sonderstellung ein: Während die früher vorgelegten Faszikel eine deutlich erkennbare Präferenz für sprachwissenschaftliche Fragestellungen zeigten, steht hier ganz eindeutig die Materialseite im Vordergrund. Dies ist auch die erklärte Zielsetzung des Autors, dem es nicht um die linguistische Auswertung der Daten, sondern um die numismatische Aufarbeitung geht; er formuliert folgende Grundanliegen: 1. lückenlose Materialerfassung, 2. eindeutige Zuordnung an den Prägeherrn, 3. weitestgehende, zumindest relativchronologische Fixierung des numismatischen Gefüges (S. 10).
      Präsentiert und kategorisiert werden zu diesem Zweck sämtliche Münzen des antiken Zeitraums, d.h. „von der Erfindung der Münze im 7.Jh. v.Chr. bis etwa zur mittelbyzantinischen Zeit“ (S. 9), die für Alram als Quelle iranischer Personennamen in Frage kamen; ausgenommen sind nur die chwarezmischen Münzprägungen, für die Alram „trotz intensiver Materialsuche .. keinen ausreichenden Materialgrundstock aufbauen konnte“ (S. 9). Das gesamte Untersuchungsgebiet ist zunächst in die drei „Großgruppen“ ‚Griechischer` Bereich, Iran und Ostiran/NW-Indien aufgeteilt, unter die dann im einzelnen die folgenden Verbände fallen:
‚Griechisch` — Skythenkönige im Schwarzmeergebiet; Könige von Pontos und Bosporos; Könige in Paphlagonien und Bithynien; Lykische Dynasten; Könige von Kappadokien; Könige von Sophene und Armenien; Könige von Kommagene; Beamtennamen im griech.-röm. Bereich in genere; Byzanz
‚Iran` — Achaimenidische Satrapen; Arsakiden; Subparthische Dynastien; Sāsāniden; Ispahbads in Ṭabaristān
‚Ostiran / NW-Indien` — Śakas; Pahlavas; Yüeh-Chih Konföderation in der Sogdiana; Sogdische Münzherren; Frühe Clanchefs in Sogdien, Baktrien und Ostiran; Kušān; Kušāno-Sāsāniden; Iranische Hunnen.
      Geordnet und klassifiziert werden die einzelnen Münzen innerhalb dieser Verbände dann unter ihren jeweiligen „Prägeherren“, und zwar nach einem dreigliedrigen Schema: Unter der Rubrik „Formen“ werden zunächst die für den Prägeherren bekannten Münzlegenden zu einer „Optimalform“ vereinigt, dann einzelne Ausführungen der Legenden vorgestellt. Die Präsentation kann hier als vorbildlich gelten, insofern griechische Legenden in Originalschrift wiedergegeben werden, andere, v.a. aramäisch geschriebene Legenden sowohl in einer getreuen Nachzeichnung als auch in einer Transliteration. Diesen Teil der Präsentation ergänzt ein sehr instruktiver paläographischer Anhang, wo auf 23 Tafeln graphische Varianten einzelner Legenden nebeneinandergestellt sind. Unter der - eher knapp gehaltenen - Rubrik „Realien“ werden die durch die Legenden bezeichneten Personen im Hinblick auf ihre Prosopographie (Kennbuchstabe -P), Topographie (-T) und Datierung (-D) vorgestellt. Die dritte Rubrik ist eine „Typologie“, in der die unter einen Prägeherrn fallenden Münzen aufgrund ihrer Bildgestaltung, ihres „Nominale“ (Wert, Material, Münzstätte) und ihrer Legendenzusammenstellung gruppiert werden. Die auf diese Weise gewonnenen 1491 „Typen“, die jeweils durch bis zu drei „Nachweise“ in der Sekundärliteratur abgesichert werden, sind sämtlich durch je ein Exemplar in dem dem Werk beigefügten Tafelband in ausgezeichneter fotografischer Wiedergabe abgebildet; zusätzliche Abbildungsnachweise aus anderen numismatischen Werken runden die Darstellung ab.
      Es steht außer Zweifel, daß Alram mit dem im vorliegenden Werk zusammengetragenen und geordneten Material eine gute Basis für eine iranistisch-linguistische Bearbeitung des darin enthaltenen Namengutes geschaffen hat. Von Bedeutung ist für eine solche Weiterbearbeitung vor allem die hier angestrebte Vollständigkeit; dem vom Autor postulierten „Zweck, von der mißbräuchlichen Verwendung der Münze als Einzelobjekt wegzuführen und zu zeigen, daß Schlüsse nur aus dem System heraus gezogen werden dürfen“ (S.9), ist unbedingt zuzustimmen. Ob die angestrebte Vollständigkeit tatsächlich erreicht worden ist, bleibt allerdings fraglich, da, wie es scheint, das in der Sowjetunion liegende Material möglicherweise nicht in gebührendem Maße berücksichtigt worden ist (oder werden konnte). So vermißt man z.B. in der Literaturliste die Verzeichnisse der in der Kaukasusrepublik Georgien gefundenen parthischen und sasanidischen Münzen (cf. z.B. T. Abramišvili, Sakartvelos saxelmc̣ipo muzeumis ṗartuli moneṭebis ḳaṭalogi / Katalog parfjanskix monet gosudarstvennogo muzeja Gruzii, Tbilisi 1974 oder M.V. Cocelija, Katalog sasanidskix monet Gruzii, Tbilisi 1981). Eine kursorische Durchsicht dieser Verzeichnisse durch den Rez. erbrachte zwar keine wesentlichen Ergänzungen, Hinweise auf bisher nicht bekannte Typen (z.B. bei Cocelija, o.c., 55 für eine Münze des Sasaniden Šāpur II. [Die Autorin geht für die sasanidischen Münzen, wie auch Alram, von der Typisierung bei R. Göbl, Sasanian Numismatics, Braunschweig 21971 aus.]) stimmen den Leser aber weniger zuversichtlich.
      Ein genereller Kritikpunkt ergibt sich allenfalls aus dem Auswahlprinzip, nach dem der Autor vorgegangen ist: Einziges Kriterium war die Frage, ob in einer Münzlegende ein iranischer Personenname enthalten ist. Alram verläßt sich hier im Großen und Ganzen auf das Iranische Namenbuch Friedrich Justis von 1895, das als überholt zu ersetzen aber gerade das ausdrückliche Ziel des von M. Mayrhofer initiierten IPNb war. Hier zeigt sich ein generelles Dilemma, in dem die Bearbeiter eines Sammelwerkes wie des vorliegenden stecken: die Auswahl des Materials setzt die Erkenntnisse, die aus der Sammlung hervorgehen sollen, zumindest teilweise bereits voraus. Im gegebenen Fall bleibt v.a. bei den Münzen aus dem ‚griechischen` Bereich fraglich, ob tatsächlich alle Möglichkeiten ausgeschöpft worden sind. Dennoch sollte das durch das Werk Alrams eingeschlagene Verfahren, zunächst einmal das Material zu sammeln, bevor eine eigene linguistische Auswertung erfolgt, für das Gesamtprojekt des IPNb zum Arbeitsplan erhoben werden; nur so läßt sich eine Beschleunigung der erzielten Ergebnisse erreichen, indem die sonst allfälligen Wiederholungen immer derselben Deutungsvorschläge für Namen, die in verschiedenen Überlieferungszweigen auftauchen, vermieden werden können.


J. Gippert




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Copyright Jost Gippert, Frankfurt a/M 29.10.2001. No parts of this document may be republished in any form without prior permission by the copyright holder.